wiegand ullaInterview mit Auftrittsberaterin Ulla Wiegand (www.auftrittsberater.de) über die Pressekonferenz zur Insolvenz der Schlecker-Drogeriemarktkette.

PR-Journal: Erstmals seit zwei Jahrzehnten ist vor einigen Tagen mit Meike Schlecker ein Kopf der Drogeriemarktkette vor die Presse getreten - zur Verkündung der Insolvenz. War der Auftritt glaubhaft?

Ulla Wiegand: Ja. Weil kein knallharter Manager, sondern eine sichtlich berührte junge Frau das Blitzlichtgewitter auf sich genommen hat. Das wirkte authentisch und damit glaubhaft.

PR-Journal: Hätte nicht ein Schlecker-Manager besser über die Zahlen, Daten und Fakten referieren können?

Ulla Wiegand: Der Insolvenzverwalter und der PR-Berater saßen ja flankierend dabei. Außerdem ist Frau Schlecker Mitglied der Firmenleitung. Aber darauf kommt es nicht unbedingt an. In unserer Informationsgesellschaft erwarten Presse und Öffentlichkeit, das ein Unternehmen den verantwortlichen Kopf präsentiert. Gerade in einer Krise gilt: it's all about people.

PR-Journal: Warum tun sich Manager häufig schwer mit einem öffentlichen Auftritt?

Ulla Wiegand: Weil sie es nicht anders gelernt haben. Medientraining, Auftrittscoaching oder Krisenkommunikation ist für Führungskräfte fast nie ein Teil der Ausbildung. Besonders in der älteren Generation wird der "Faktor Mensch" häufig unterbewertet und zu sehr auf die Aussagekraft von Bilanzen und Geschäftsberichten vertraut. Dabei kann ein erfolgreicher öffentlicher Auftritt, der sich positiv in den Medien spiegelt, enormen Geldwert haben. 

PR-Journal: In den USA wird Präsentationsfähigkeit schon im Kindergarten geübt - warum nicht hier?

Ulla Wiegand: Weil bei uns die Selbstdarstellung nicht viel gilt. Sie wird oft mit Arroganz verwechselt - siehe Guttenberg, den Manche auch vor der Plagiatsaffäre schon als Schnösel abtaten. Aber das ändert sich. Beim Managernachwuchs sind viele schon ganz anders drauf, da sie via Internet und Soziale Medien weniger Berührungsängste vor der eigenen Darstellung haben. Aber auch da gibt's hier und da Optimierungsbedarf.

PR-Journal: Zurück zur (bisherigen) Pleite des Jahres - hat Meike Schlecker alles richtig gemacht?

Ulla Wiegand: Momentan ja. Der unprätentiöse Auftritt war eine vertrauensbildende Maßnahme. Ob er nun ein Grundstein zum Wiederaufstieg der Firma Schlecker war, das werden wir sehen. Aber wenn die Gläubiger, Kunden und Mitarbeiter nun auch wegen Meike Schlecker neues Vertrauen fassen, war ihr Auftritt ein passender Mosaikstein zur Beseitigung von Managementfehlern. Dazu gehört übrigens auch das 20jährige Versteckspiel der Schleckers.

Ulla Wiegand ist Geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur Wiegand & Wiegand - Die Auftrittsberater in Hamburg.


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