Fachbeiträge Eine formale Betrachtung der Geschäftsberichte Wie die Dax-Unternehmen über das Geschäftsjahr 2025 berichten
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- von Manfred Piwinger, Wuppertal
Bis zu 804 Seiten, Prüfkosten in Millionenhöhe und Nachhaltigkeitskapitel mit dem Charakter eines Finanzberichts: Die Geschäftsberichte der Dax-40-Unternehmen werden immer umfangreicher und komplexer. Gleichzeitig verschwinden Gestaltung und klare Leserführung zunehmend hinter Tabellen, Kennzahlen und regulatorischen Pflichtangaben. Eine formale Analyse der Berichte über das Geschäftsjahr 2025 zeigt auffällige Unterschiede bei Umfang, Stil und Selbstdarstellung.
Aufgaben des Berichts
Geschäftsberichte sind neben ihrer finanziellen und fachlichen Funktion auch Mittel der Selbstdarstellung – nicht nur gegenüber Anlegern, Investoren, Analysten, sondern auch gegenüber einer sie kritisch beäugenden Öffentlichkeit. An keiner Stelle wird so ausführlich wie in dem Geschäftsbericht über das Unternehmen und seine Leistungen berichtet. Investoren ziehen daraus Erkenntnisse über ihren langfristigen Anlagehorizont. Als Instrument der Rechenschaftslegung wird von den veröffentlichten Unternehmensdaten Verlässlichkeit und Überprüfbarkeit erwartet. Dem Informationsbedürfnis der Finanzanalysten wird in besonderem Maße Rechnung getragen. Durch die Art, wie der Geschäftsbericht präsentiert wird, kann die Vertrauensfunktion gestärkt werden.
Umfänge
Wie sieht es mit den Umfängen aus? Allein 12 Gesellschaften berichten auf über 400 Seiten (darunter die Deutsche Bank mit 804 Seiten); auf der anderen Seite stehen einige Berichte mit knapp unter 300 Seiten. Ein Standard lässt sich daraus nicht ableiten. Es zeigt sich aber, wie bei Eon, dass es möglich ist, auch mit unter 300 Seiten einen recht vernünftigen Bericht abzuliefern.
Veröffentlichungstermine
Beim Veröffentlichungsdatum ist erfreulicherweise seit einigen Jahren ein Trend zu zeitnaher Veröffentlichung festzustellen. Die meisten Unternehmen schöpfen die viermonatige Veröffentlichungsfrist nicht aus. Eine Reihe von Unternehmen veröffentlichte ihren Jahresbericht schon im Februar, also nur knapp zwei Monate nach Jahresultimo. Darunter Schwergewichte wie SAP, BASF und Deutsche Telekom. Eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, was alles zu tun ist, bevor das Jahresergebnis vorgelegt werden kann. Ohne entsprechende IT-Programme ist das gar nicht vorstellbar.
Digitalisierung
Die Digitalisierung hat sich in den letzten Jahren durchgesetzt und ist das beherrschende Thema auch für die Geschäftstätigkeit. Allerdings handelt es sich bei den Geschäftsberichten in der Regel um schlichte PDFs. Die digitale Form der Berichte bietet keinen „Erlebniswert“ mehr. Mag sein, dass deswegen häufiger auf die anschaulicheren Online-Berichte zugegriffen wird. Eine Ausnahme gibt es noch: Qiagen. Das niederländische Unternehmen gibt uns einen gedruckten Bericht in die Hand.
Aufteilung der Berichte
Innerhalb der Berichte beanspruchen Berichtsteile wie Taxonomie, Materialitätsanalyse, Vergütungs- und Risikobericht viel Platz. Allein die Vergütungsberichte umfassen häufig 30 Seiten oder erheblich mehr. Bei Banken und Versicherungen ist der Risikobericht ausgedehnt. Beträchtlichen Raum beanspruchen verständlicherweise die Nachhaltigkeitsberichte. Sie haben an Qualität und Genauigkeit gewonnen und gewinnen allmählich den Charakter eines Finanzberichts (vgl. SAP).
Reputationsrisiko
Hier geht es um die Risikobetrachtung als Teil der Unternehmensrisiken. Wird im Risk Report oder an anderer Stelle darauf eingegangen und wenn ja, wie? Das Ergebnis: Einen eigenen Abschnitt oder eine sonstige Erwähnung des Reputationsrisikos veröffentlichten bestenfalls ein Drittel der betreffenden Unternehmen. Als ein wesentliches Risiko schätzen es vor allem Banken und Versicherungen ein, die in ihren Berichten ausgiebig dazu Stellung nehmen. Selten wird Reputation an sich definiert. Wie bei VW: „gehört zu den wichtigsten Gütern und ist die Grundlage für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg“.
Aktie/Kapitalmarktkommunikation
Angaben zur Aktie sowie zur Bonitätsbewertung, Kreditrating, Aktionärsstruktur, Anteilsbesitz, Dividendenentwicklung, Analysten-Coverage, Investor Relations etc. enthalten nicht alle Berichte und fehlen teilweise selbst bei Allianz und der Deutschen Bank. Rubriziert werden entsprechende Informationen beispielsweise unter „Aktien und Anleihen“, „Kapitalmarkt und Aktie“, „An unsere Investoren“ sowie „Aktie und Investor Relations“. Im Ganzen vermissen wir in der Mehrzahl der Berichte eine klare Ausrichtung an den Kapitalmarkt, verbunden mit Anlageempfehlungen wie wir sie bei Eon und in Ansätzen unter anderem bei Fresenius, Henkel und Merck. aufgefunden haben. Munich Re greift das Thema bereits im Aktionärsbrief auf. Insgesamt lässt sich eine Tendenz zu einem stärkeren Eingehen auf die Kapitalmarktsituation erkennen.
Sprache
Sprachlich hat sich in den letzten Jahren vieles zum Besseren geändert. Insbesondere die Lageberichte sind lesbarer geworden. Gender-Sprache wird nur noch von ganz wenigen Gesellschaften durchgängig verwendet. Ein externes Lektorat nutzen nach eigenen Angaben gerade mal vier Unternehmen.
Dienstleister
Wer zeichnet verantwortlich für das Berichtskonzept, Grafik und Satzerstellung? Dies geht aus den Impressen hervor. Wenige namhafte Agenturen dominieren diesen Bereich. Am häufigsten wurden „Konzept, Design und Umsetzung“ sowie „Gestaltung und Realisierung“ genannt Bei weitem nicht alle Gesellschaften machen hierzu Angaben.
Prüfungsaufwand
Hier werden die in den Geschäftsberichten ausgewiesenen Beträge genannt. Das Honorarvolumen ist im Jahr 2025 analog zu den erweiterten Berichtspflichten kräftig angestiegen – auf bis zu 82 Millionen (Allianz) im Einzelfall. Am unteren Ende mit 613.000 Euro (Porsche SE). In Summe betrugen die geleisteten Zahlungen an die 850 Millionen Euro.
Anredeformen
Wie erfolgt die Anrede der CEO im Aktionärsbrief, und wie weit ist sie angebracht? Im Großen und Ganzen hat sich die Anrede „Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre“ durchgesetzt. In gleich vielen Fällen wurde das „sehr geehrte“ durch „liebe“ ersetzt. Ob dies zum Beispiel bei MTU mit einem hohen Anteil institutioneller Anleger angebracht ist, mag dahingestellt sein. Oft folgt als zweiter Teil der Anrede „liebe Freude von …“ Beiersdorf irritiert mit der Anrede „Liebe Aktionär*innen, Liebe Leser*innen“ „Sehr geehrte Damen und Herren“ bevorzugen Munich Re sowie Eon als Einzige.
Vorstellung der Vorstände
Mit Blick auf die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse war es aufschlussreich, einen Blick auf die Vorstandsfotografie zu werfen, um zu sehen, inwieweit sich diese Verhältnisse im Unternehmensumfeld, sprich: in der Vorstandsfotografie widerspiegeln. Sie tun es: Wer hätte sich noch vor ein paar Jahren vorstellen können, „seine“ Vorstände mit Jeanshose und Sneaker anzutreffen? Offene Hemdkragen, T-Shirts unter der Jacke, vereinzelt hochgekrempelte Ärmel sind in den Berichten zum Standard geworden. Alles sehr easy und leger. Krawattenzwang ein alter Hut. Offenes Hemd ist in. „Korrekt gekleidet“ sind die Vorstandsmitglieder (noch) in sechs Berichten. Die Abbildungen reichen von Einzelporträts in Briefmarkengröße bis hin zu ganzseitigen Gruppenfotos. Bei Letzteren hat es sich als ein gewisser Standard herausgebildet, die betreffenden Personen nebeneinander in einer Reihe gestellt, den Blick nach vorn gerichtet und so gut wie möglich ein freundliches Lächeln aufgesetzt.
Formale Aspekte
Zur formalen Seite gehört ebenso ein Blick auf die Art der Präsentation der Jahreszahlen. Früher zeichneten sich die Berichte häufig durch eine anspruchsvolle Gestaltung aus. Heute, wir sprechen über die Berichte über das Geschäftsjahr 2025, ist davon nicht mehr viel übriggeblieben. Die Berichte sind zahlenlastig bis zum Äußersten. Tabellarische Aufstellungen und Grafiken prägen optisch das Bild. Es dominieren Kennziffern, verpackt in unendlich vielen tabellarischen Zusammenstellungen und Querverweisen. Platzsparende Zeilenbreiten von um die 20 cm sind keine Ausnahme und vom Auge kaum zu erfassen, was die Lesbarkeit einschränkt. Es ist schwer, sich den Überblick zu erhalten. Oft benötigt es verschiedenen Zugangswege, um an die gewünschte Information zu kommen. Selten werden Argumente herausgestellt, weshalb es sich lohnt, in das jeweilige Unternehmen zu informieren. Oder investiert zu bleiben. Dominant geworden sind Aussagen zu Klima und Nachhaltigkeit weit über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus. Rechtfertigung und Rechenschaft liegen hier eng beieinander. Es ist leider zu betonen: Die Berichte erzielen keine Bindungswirkung.
Über den Autor: Manfred Piwinger zählt zu den profiliertesten Stimmen der deutschsprachigen Kommunikationsbranche und -wissenschaft. Über Jahrzehnte hat er Debatten geprägt, Entwicklungen eingeordnet und dem Fach mit analytischer Schärfe und strategischem Denken Orientierung gegeben. Für seine Verdienste zur Professionalisierung der PR wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.