Fachbeiträge Krisenkommunikation im Wandel KI in der Krise: Zwischen Risiko, Verantwortung und neuer Handlungsfähigkeit

Seit dem vielzitierten Satz „Krisen lassen sich nicht prompten“ hat sich die Debatte weiterentwickelt. Klar ist heute: KI ersetzt keine Kommunikation, aber sie verändert, wie gut Unternehmen darauf vorbereitet sind. Entscheidend sind nicht die Tools, sondern der Umgang mit Risiken wie Halluzinationen, Datenschutz und Haftung.

Ein wesentlicher Unterschied zur KI-Diskussion im Jahr 2025 ist der geschärfte Blick auf Risiken, analysiert Nadja Amireh. (Foto: Wake up Communications)

Vom Tool zur Infrastruktur

„Krisen lassen sich nicht prompten“ – diese Aussage aus dem PR-Journal-Interview mit Patrick Hacker im Juli 2025 hat eine wichtige Diskussion geprägt. Die Kernaussage: KI stößt dort an Grenzen, wo es auf Haltung, Verantwortung und situatives Entscheiden ankommt.

Einige Monate später zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Die Frage hat sich verschoben. Es geht weniger darum, ob KI in der akuten Krise funktioniert, sondern darum, ob Unternehmen sie überhaupt so vorbereitet haben, dass sie im Ernstfall sinnvoll eingesetzt werden kann.

Damit wird deutlich: Die eigentliche Entwicklung liegt nicht in der Technologie, sondern in der Organisation. KI ist kein spontanes Werkzeug für den Krisenmoment, sondern Teil der Kommunikationsinfrastruktur. Wer sie nur punktuell nutzt, wird im Ernstfall keine verlässlichen Ergebnisse erhalten.

Neue Klarheit über Risiken

Ein wesentlicher Unterschied zur Diskussion im Jahr 2025 ist der geschärfte Blick auf Risiken. Heute werden diese Risiken deutlich konkreter benannt und systematischer diskutiert. Ein zentrales Thema sind KI-Halluzinationen. Systeme erzeugen mitunter Inhalte, die plausibel klingen, aber faktisch falsch sind, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar ist. Im Alltag ist das ein Qualitätsproblem. In der Krise kann es schnell zu einem Reputations- oder sogar Rechtsrisiko werden.

Auch der Datenschutz hat an Bedeutung gewonnen. Sensible Informationen dürfen nicht ungeprüft in externe Systeme eingegeben werden. Gerade in frühen Krisenphasen entsteht ein Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Sicherheit.

Hinzu kommt die Frage der Haftung. Auch wenn KI Inhalte vorbereitet oder Analysen liefert, bleibt die finale Verantwortung für Freigaben und Kommunikation beim Unternehmen. Juristische Zuständigkeiten und Haftungsfragen müssen jedoch klar geregelt sein – gerade dann, wenn externe Tools, Dienstleister oder sensible Daten im Spiel sind.

Diese drei Dimensionen haben die Diskussion deutlich verändert. KI wird nicht mehr nur als Effizienztreiber gesehen, sondern als Werkzeug, das aktiv gesteuert und abgesichert werden muss.

Vorbereitung statt Reaktion

Parallel dazu verändert sich die Art, wie KI eingesetzt wird. Während sie zunächst vor allem für die Texterstellung genutzt wurde, rückt heute die Vorbereitung stärker in den Fokus. 

Unternehmen nutzen KI, um Szenarien zu simulieren, mögliche Stakeholder-Fragen zu antizipieren und kommunikative Optionen vorab zu entwickeln. Dadurch verschiebt sich die Logik von Krisenkommunikation. Sie beginnt nicht mehr erst mit dem Ereignis, sondern deutlich früher.

Ein besonders relevanter Aspekt ist dabei das Training. Erste Unternehmen nutzen KI, um Krisensituationen intern zu simulieren. Kommunikationsverantwortliche können mit realistischen Szenarien arbeiten, Fragen durchspielen und Reaktionen testen – ohne dass bereits eine echte Krise vorliegt.

Das verändert die Qualität der Vorbereitung erheblich. Teams lernen nicht nur theoretisch, sondern praktisch, wie sich Dynamiken entwickeln und wo Schwachstellen liegen. KI wird damit zum Trainingspartner, nicht zum Entscheider.

Die Grenze bleibt menschlich

Trotz aller Fortschritte bleibt eine zentrale Grenze bestehen: KI kann keine Haltung entwickeln. Sie kann keine Verantwortung übernehmen und keine echte Empathie erzeugen.

Besonders sichtbar wird das in der Sprache. KI-generierte Texte wirken oft glatt, distanziert und austauschbar. Gerade in sensiblen Situationen wird das sofort erkannt. Deshalb verändert sich auch hier der Umgang. KI liefert Entwürfe, aber keine fertige Kommunikation. Die eigentliche Qualität entsteht erst durch die menschliche Bearbeitung. Haltung, Klarheit und Empathie müssen bewusst hinzugefügt werden.

Organisation und Akzeptanz als entscheidender Faktor

Was sich seit 2025 wirklich verändert hat, ist das Verständnis für die Voraussetzungen. KI funktioniert nicht isoliert, sondern nur im Zusammenspiel mit Daten, Prozessen und klaren Verantwortlichkeiten.

Ein oft unterschätzter Faktor ist dabei die interne Akzeptanz. Viele Teams sind nach wie vor zurückhaltend, KI in sensiblen Situationen einzusetzen. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Unsicherheit. Was darf ich eingeben? Was ist rechtlich kritisch? Wie verlässlich sind die Ergebnisse?

Diese Fragen müssen aktiv geklärt werden. Unternehmen, die hier Orientierung schaffen, ermöglichen ihren Teams überhaupt erst, KI sinnvoll zu nutzen. Ohne diese Klarheit bleibt das Potenzial ungenutzt.

Gleichzeitig zeigt sich: KI erhöht die Anforderungen an Kommunikation. Sie liefert schneller Vorschläge, als sie bewertet werden können. Das erfordert mehr Entscheidungsstärke, nicht weniger.

Fazit: Verantwortungsvolle KI-Integration ist zentral

Die Debatte hat sich seit 2025 nicht dadurch weiterentwickelt, dass KI plötzlich besser „funktioniert“. Sie ist reifer geworden. Krisen lassen sich nach wie vor nicht prompten. Aber sie lassen sich heute deutlich besser vorbereiten – vorausgesetzt, Unternehmen nehmen die damit verbundenen Risiken ernst und schaffen die strukturellen Voraussetzungen.

Die Zukunft der Krisenkommunikation entscheidet sich damit nicht an der Technologie, sondern an der Fähigkeit, sie verantwortungsvoll zu integrieren. Oder anders formuliert: Krisen lassen sich nicht prompten. Aber schlechte Vorbereitung lässt sich heute nicht mehr dahinter verstecken.

 

Über die Autorin: Nadja Amireh ist Inhaberin der PR- und Social-Media-Agentur Wake up Communications in Düsseldorf. Die Agentur entwickelt Kommunikationsstrategien für Unternehmen aus Industrie, Mittelstand und Konsumgüterbranche und setzt diese operativ um. Nadja Amireh berät zu Themen wie Krisenkommunikation, CEO-Positionierung und dem Einsatz von KI in der Unternehmenskommunikation. Als Speakerin und Workshop-Leiterin vermittelt sie praxisnahe Ansätze, die sich direkt in Kommunikationsprozesse integrieren lassen.

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