Die Ergebnisse einer Berufsfeldstudie aus dem Jahr 2021 zur Profession Kommunikatorin beziehungsweise Kommunikator zeigen: Einsteiger im PR-Bereich sind nahezu ausschließlich (93 %) Hochschulabsolventen und bringen akademische Fachkenntnisse im Bereich Kommunikation mit. Sie starten zu einem guten Drittel (36 %) direkt nach der Universität in den neuen Job – Tendenz steigend. Der Anteil an Quereinsteigern nimmt dagegen langfristig gesehen ab. Ihnen gegenüber sollten Agenturen und Kommunikationsabteilungen jedoch offenbleiben, denn gegenüber ihren Mitbewerberinnen und Mitbewerbern haben sie einen Vorsprung im neuen Job: Warum ist das so?

Nachdem ich Anfang 2016 meine Berufsausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann in einem mittelständischen Unternehmen erfolgreich abschloss, arbeitete ich für ein halbes Jahr in der Kreditorenbuchhaltung derselben Firma. Ich wusste bereits, dass meine kaufmännische Laufbahn hier endete: Ich begann Ende 2016 ein Studium in Kommunikationswissenschaften und fand meinen Berufseinstieg in die PR Anfang 2020.

Mit einem solchen (oder ähnlichen) Werdegang zähle ich zu den aktuell 64 Prozent in Deutschland, die als Quereinsteiger in der PR-Branche starteten. Mittlerweile zeigt mir die Zeit als ehemaliger Azubi, welche Vorteile meine bisherige Erfahrung im Berufseinstieg in die PR mit sich gebracht hat.

Wie geht eigentlich ein Job: der soziale Vorteil

In den drei Jahren als Auszubildender und Sachbearbeiter habe ich vor allem eines gelernt: das Arbeiten selbst. Abgesehen von einigen Schulpraktika hatte ich bis zum Ausbildungsbeginn noch keine Berührungspunkte mit der Zusammenarbeit mit Kollegen, einer vorgesetzten Person oder der Stellung einer Geschäftsführung. Weder wusste ich aus erster Hand, wie man einen Arbeitsalltag bewältigte, noch konnte ich nachvollziehen, warum sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unterschiedlichen Situationen auf eine ganz bestimmte Art und Weise verhielten. Kurzum: Eine Berufsausübung mit all seinen kleinen und großen Facetten war für mich komplett Neuland.

Prägend für den späteren Berufseinstieg in die PR-Branche waren allen voran das Erlernen von Fachsprache, Timings, Struktur und dem Umgang mit Drucksituationen. Während der drei Jahre sammelte ich Erfahrung, welche Relevanz ich (abgedroschenen) Büro-Formulierungen beimessen musste oder wie dringend ASAP wirklich ist. Ich lernte Aufgaben zu ordnen, Telefonate zu führen und mit kritischen Gesprächspartnern umzugehen.

So waren diese Situationen im späteren PR-Arbeitsalltag häufig nicht mehr ganz so neu für mich. Ich konnte sie anhand der Vorerfahrung aus der Ausbildung einordnen und entsprechend auf sie reagieren. Die Erfahrung entpuppte sich als nachhaltiger sozialer Vorteil im Berufseinstieg in der PR-Branche.

Schlüsselfaktor KMU: der fachliche Vorteil

Der zweite Vorteil, den frühe, kaufmännische Berufserfahrung mit sich bringt, liegt im Unternehmen selbst. Ich schloss die Ausbildung in einem mittelständischen Familienbetrieb ab: KMUs machen 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland aus, stellen mehr als die Hälfte (56 %) aller Arbeitsplätze und 80 Prozent aller Ausbildungsplätze. Über die Berufserfahrung in kaufmännischen Mittelstandsbetrieben erlangen PR-Berufseinsteiger einen praxisnahen Einblick in die Abläufe, Stärken, Schwächen, Chancen und Fallstricke von KMUs – und somit einem Großteil der Unternehmen in der Bundesrepublik.

Viele Produkte, Dienstleistungen und Fachexpertisen der Accounts, auf denen PR-Berater arbeiten, lassen sich auf den deutschen Mittelstand übertragen. Hierbei kommt es jedoch immer auf die Ausrichtung des PR-Unternehmens an – ich kann also nur aus meiner Volontariats-Erfahrung und dem Alltag bei Ballou PR heraus argumentieren: In der Agentur betreuen wir hauptsächlich Kunden aus dem Technologiebereich. Dabei ist es jedoch unerheblich, ob es sich um Ed-Tech und Fortbildungen, Cloud-Services oder Zahlungsdienstleistungen handelt. Die Erfahrung aus dem deutschen Mittelstand wirkt immer mit: Bei jedem Brainstorming, jedem Pitch und jedem Gastbeitrag. Berufserfahrene PR-Einsteiger sehen Themen immer durch die Quereinsteiger-Brille ihres einstigen Arbeitgebers und / oder Ausbildungsbetriebes und können diese entsprechend interpretieren.

Der Vorteil der kaufmännischen Ausbildung in einem mittelständischen Betrieb ist für reine Akademiker nur schwer erlernbar. Natürlich sagen kurzweilige Praktikumserfahrungen, Statistiken, Interviews oder die Nachrichten viel über die Abläufe in solchen Firmen aus – doch für Personen, die einen solchen Betrieb (fernab von PR) einmal über mehrere Jahre kennengelernt haben, sind die Inhalte deutlich greifbarer als für reine PR-Experten und Nachrichtenkonsumenten. Diese Erfahrung gibt Quereinsteigern in der PR einen weiteren Vorsprung im neuen Job.

Fazit

Eine in Stellenanzeigen häufig geforderte Voraussetzung, die Berufseinsteiger in der PR mitbringen sollten, ist der Hochschulabschluss. Es überrascht also nicht, dass Branchen-Neulinge fast ausschließlich (93 %) theoretische Fachkenntnisse in Kommunikation vorweisen können und ihren neuen Job oft (36 %) direkt nach der Universität beginnen. Agenturen und Kommunikationsabteilungen sollten jedoch gerade bei studierten Quereinsteigern mit kaufmännischen Vorerfahrungen einmal genauer hinsehen. Eine kaufmännische Ausbildung oder eine andere, wirtschaftliche Berufserfahrung ermöglichen es PR-Neulingen, die Arbeit aus der sozialen und fachlichen Sicht von Unternehmen zu bewerten. Das verleiht Quereinsteigern bei Berufsbeginn in der PR einen entscheidenden Vorteil gegenüber Mitbewerbern und wird zum echten Mehrwert für das Kommunikationsunternehmen.

Über den Autor: Christoph Grimsel ist Junior PR-Berater bei Ballou PR in Berlin. Zwischen 2013 und 2016 absolvierte er eine kaufmännische Berufsausbildung im Bereich Groß- und Außenhandel und arbeitete für ein halbes Jahr als Sachbearbeiter in der Kreditorenbuchhaltung. In Greifswald studierte er Fennistik und Kommunikationswissenschaften und begann seine PR-Laufbahn anschließend als Trainee.


Wir haben die Kommentarfunktion wegen zu vieler Spam-Kommentare abgeschaltet. Sie können uns aber trotzdem Ihre Meinung zu diesem Artikel als Leserbrief direkt zusenden. Falls Sie wünschen, dass wir Ihren Leserbrief als Kommentar dem Artikel hinzufügen, vermerken Sie dies bitte in der Mail an uns.
leserbrief@pr-journal.de


Heute NEU im PR-Journal