Videos sind längst die neue Selbstverständlichkeit. Aber als Trend für die Unternehmenskommunikation sind sie Fluch und Segen zugleich. Zur zweiten Kategorie gehören sie für Vorstände, die in wichtigen Situationen persönlich emphatisch die Brücke bspw. zur Belegschaft zu Hause an den Laptops schlagen. Sie sind trainiert und wissen, wie sie über die Kamera ihr Publikum erreichen. Zum Fluch kann es dagegen für diejenigen werden, die nicht für diese Situation trainiert sind. Denn die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie ohne angemessene Vorlaufzeit gebeten werden, „mal eben“ einen Text in die Kamera zu sprechen oder ein kurzes Interview zu führen.

„Es war unser großes Glück, dass wir kurz vor Corona unser eigenes Videostudio in Betrieb nehmen konnten“, verriet ein Unternehmenssprecher. Intensiv genutzt wurde es für Interviews mit Fernsehsendern, firmeneigene Videos und Mitarbeiterkonferenzen. Sein Fazit: „Es ist enorm, wie weit wir den Aufwand für unsere Vorstandsinterviews verringern konnten.“ In der Tat, je nach Aufgabenstellung laufen die Produktionen in vielen Firmen heute schneller und einfacher ab.

Das Internet mit YouTube & Co. hat Trends gesetzt: Über die Technik hinaus haben die digitalen Medien die Sehgewohnheiten und Erwartungen verändert. Das größte Risiko besteht darin, diese Herausforderung massiv zu unterschätzen. Das ist schade, denn multimediale Kommunikation entwickelt sich zu einer Kernkompetenz für Führungskräfte und Experten - auch deutlich unterhalb der Vorstandsebenen. Deshalb sollte man sich früh in der beruflichen Entwicklung darauf einstellen. Denn wenn der Einstieg in diese Aufgabe funktioniert und zunehmend die Sicherheit steigt, macht es mehr Spaß und weniger Arbeit. Dieser Beitrag gibt Tipps, wie man die wichtigsten Hürden meistern kann.

Am Anfang steht das Mindset

Selbst ein vermeintlich kleiner Auftritt ist eine Performance. Vor der Kamera kommt sie nicht von selbst. Niemand würde denken, wie häufig man sich versprechen kann, um z.B. in fünf schwungvollen Sätzen für eine Veranstaltung einzuladen - bis man es selbst erlebt hat. Wer genervt ist, wird nicht entspannt lächeln.

Wo liegt nun das Problem? Warum ist es schwierig, als erfolgreiche Führungskraft kompetent und engagiert zu wirken? Es gibt keine gemeinen Journalisten, die einen mit fiesen Fragen aufs Kreuz legen. Selbst wenn man bei einer Aufzeichnung den Faden verliert, fängt man noch einmal an und in der Nachbearbeitung wird das Ergebnis geglättet.

Die Probleme liegen im Wesentlichen auf zwei Ebenen. Zum einen gibt es den Stressfaktor Technik. Im Vergleich zum Reden vor Publikum in einem Saal mindert die virtuelle Bühne die persönliche Wirkung. Deshalb eine eiserne Regel: Nicht vor der Kamera üben! Das erhöht den Stress. Planen Sie vorher Zeit ein. Auch Profis machen Generalproben. Damit steigern Sie ihre Performance. Zum anderen sprudeln bei der inhaltlichen Vorbereitung die Fehlerquellen vielfältig: Sie reichen über falsche oder fehlende Konzepte bis hin zu Stolperfallen in Formulierungen.

Wo liegt die Lösung? In der Perspektive. Überspitzt formuliert: Einsteiger konzentrieren sich auf ihr Thema, Profis auf das Publikum. Das macht einen erheblichen Unterschied in der inhaltlichen Vorbereitung. Man muss die Aufmerksamkeit von Menschen gewinnen, die man nicht sieht. Dies gilt für die beiden typischen Situationen vor der Kamera: Entweder alleine vor der Linse zum Erklären oder für eine Ankündigung. Oder im Dialog, also einem Interview, einer Diskussion, bzw. Frage- und Antwortrunde.

Auch ein Interview ist letztlich ein Dialog für die Zuschauer. Deshalb braucht man von Anfang an einen Plan, um ihr Interesse zu wecken und auf einem möglichst hohen Niveau zu halten. Das bildet die Basis für die positive persönliche Wirkung.

Mit sechs Schritten nah am Publikum

  1. Zielgruppen definieren: Wen wollen wir erreichen? Mit der präzisen Auswahl steht und fällt die Qualität der Vorbereitung.
  2. Fragen auflisten und konkret formulieren: Welche erwarten wir? Welche wurden bereits artikuliert? Gibt es Vorbehalte oder Zweifel? Diese Fragen leisten zweierlei: Sie schaffen eine persönliche Ebene zum Publikum und helfen beim Strukturieren der Inhalte.
  3. Ziele definieren: Informieren, Verständnis fördern, Transparenz erhöhen sind als Vorgaben in Ordnung. Fragen Sie sich, was Sie bewirken wollen. Kommunikativ stark sind Appelle. Suchen Sie nach Zielen, die zum Beteiligen einladen. Auch damit schaffen Sie Beziehung zum Publikum.
  4. Persönlich kommunizieren. Ihre Zuschauer interessieren sich dafür, und Sie sichern sich damit die Chance auf einen starken Auftritt. Illustrieren Sie ihre wichtigen Kernaussagen mit Beispielen, persönlichen Erlebnissen oder Ihren Erfahrungen.
  5. Leicht verständlich sprechen. Die Leute sollen Ihnen gerne zuhören. Kurze Sätze verringern das Risiko sich zu versprechen.
  6. So klar wie möglich gliedern. Je besser das Publikum Ihnen folgen kann, umso höher die Aufmerksamkeit.

Wenn man so vorbereitet in seine Generalprobe geht, hat man eine gute Grundlage, um an Stimme und Körpersprache zu feilen.

Der Autor Bernhard Messer ist Inhaber von Dialog-Medientraining, Düsseldorf. Der ehemalige WDR-Redakteur trainiert seit 1991 Vorstände, Führungskräfte, Krisenmanager und Kommunikatoren internationaler Konzerne für den überzeugenden Auftritt vor Mikrofon und Kamera.


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