Thilo Baum

Die förmliche Sprache vieler Unternehmen passt nicht mehr in die Zeit. Sich vom Publikum zu distanzieren, ist weder nötig noch menschlich. Doch wie überzeugen Sie davon Ihren störrischen Chef? Der Journalist und Trainer Thilo Baum hilft Ihnen bei der Argumentation. Mit den folgenden Argumenten für eine menschliche Sprache soll es gelingen, auch konservative Chefs zu überzeugen.

Von Thilo Baum, Gersfeld (Rhön)

Kürzlich erhielt ich ein Fax. Tatsächlich ein Fax. Die Überschrift lautete: „Aufforderung zur Angebotsabgabe“. Also bin ich zur Durchführung der Umsetzung eines Formulierens eines Angebotes geschritten und habe die Angebotsangabe vorgenommen.

Ein fürchterlich umständlicher Stil? Genau! Ich könnte auch sagen: Also habe ich ein Angebot formuliert und abgegeben. Oder noch einfacher: Ich habe ein Seminar angeboten. Auch das Subjektiv „Angebot“ mache ich in meinen Seminaren in Unternehmen oft genug zu einem Verb. Verben machen die Sprache lebendiger als Substantive.

Wer PR macht, kennt die Regeln für gute Sprache nach Wolf Schneider, dem langjährigen Leiter der Henri-Nannen-Schule. Und trotzdem schlagen sich manche PR-Verantwortliche mit Chefs herum, die den distanzierten Behördenstil wahren wollen. Im Seminar berichten mir Teilnehmer immer wieder von solchen Chefs – es gehe ihnen darum, sich von den anderen abzuheben. Sie halten sich ganz an den alten Sinn exaltierter Sprache: die Arroganz.

Im Grunde würde ich gerne behaupten, dass es bald immer weniger solcher Chefs geben wird, weil sie sich in den Ruhestand verabschieden und eine agilere Generation nachkommt. Aber das scheint nur zum Teil der Fall zu sein. Auch viele jüngere Unternehmensgründer sind in der förmlichen Sprache gefangen. Sie scheinen zu denken, diese Sprache sei notwendig. Oder sie erachten sie für irgendeine Art von Konvention, die sie nicht brechen dürfen.

Agilität in der Unternehmenskommunikation

Agilität, also Beweglichkeit, ist ein großes Schlagwort in diesen Zeiten der Veränderungen. Das Schlagwort bezieht sich allerdings nicht nur auf Prozesse, sondern auch auf die Sprache. Dabei geht es nicht um sprachliche Agilität zum Selbstzweck oder weil das gerade hip ist. Es ist eher anders herum: Es gibt schlicht keinen Grund, in der Sprache nicht agil zu sein. Eine störrische Sprache ist nie nötig – in keiner Profession, keiner Sprache, keinem Unternehmen und übrigens auch in keiner Behörde.

Ein schönes Beispiel für Agilität in der Sprache ist das Kölner Unternehmen GEDANKENtanken. Schauen Sie sich auf deren Website mal die Stellenanzeigen an. Klassische Unternehmen halten sich an die Reihenfolge: „Kurzbeschreibung des Unternehmens“, „Ihr Aufgabengebiet“, „Ihr Profil“, „Das bieten wir Ihnen“, „Kontakt“. Das hat sich scheinbar bewährt. Gedankentanken sind solche Konventionen egal. Man kommt zum Punkt: „Who you are“, „What you'll do“. Fertig.

Blödes Englisch? Finde ich nicht. Englisch ist nicht falsch oder unklar, Englisch ist einfach Englisch. Und GEDANKENtanken will eben international expandieren, siehe beispielsweise mein Interview mit den Chefs in „Training aktuell“ vom Oktober 2019. Das Englisch macht die klare Sprache nur scheinbar einfacher; klare Worte wirken im Englischen eben eher gewohnt als im Deutschen. Aber wir können die Worte auch übersetzen, und es funktioniert immer noch: „Wer du bist“, „Was du tun wirst“.

In Workshops mit Unternehmen – ein Workshop ist für mich ein Tag, an dem wir gemeinsam an den Texten des Unternehmens arbeiten – höre ich immer wieder die Worte „Formate“ und „Vorgaben“, meistens miteinander kombiniert. Da hat sich also jemand festgelegt auf eine bestimmte Abfolge von Gedanken, und diese gilt als unveränderbar. Diese Abfolge ist meistens aus der Sicht des Unternehmens gedacht und nicht aus Sicht des Adressaten, ob der Adressat nun ein Kunde ist oder ein potenzieller Mitarbeiter.

In der Regel gelingt es mir, die Vertreter dieser starren Raster zu überzeugen, genau diese Raster aufzulösen. Und zwar durch drei Argumente, mit denen Sie vielleicht auch Ihre Chefs überzeugen können.

Drei Argumente für eine menschliche Sprache in Ihrem Unternehmen

  1. Legen Sie Ihrem Chef die Markenwerte des Unternehmens vor, sofern es welche gibt. Oder das Leitbild. Ich garantiere Ihnen: In diesen Texten steht nichts davon, dass das Unternehmen distanziert, förmlich oder unnahbar wirken will, technokratisch, bürokratisch oder umständlich. Sondern Sie werden lauter offenherzige und freundliche Eigenschaften finden. Das heißt: Förmliche Sprache verstößt gegen das Unternehmensleitbild.
  2. Machen Sie Ihrem Chef klar: Keine Fachrichtung muss automatisch kompliziert und förmlich kommunizieren. Wir können einfache Dinge einfach sagen („Der Verband beantragt einen Zuschuss“) oder kompliziert („Es ist festzuhalten, dass seitens des Verbandes die Beantragung einer finanziellen Bezuschussung vorgenommen wird“). Wir können auch komplizierte Dinge kompliziert sagen („Wie können psychische Belastungen, die durch eine chronische Hauterkrankung hervorgerufen werden, mit psychotherapeutischer Unterstützung gemindert werden?“) oder einfach („Hauterkrankungen belasten viele Menschen psychisch. Wie kann die Psychotherapie helfen?“). Der Sprache ist es egal, was wir sagen wollen – so wie es der Mathematik egal ist, was wir ausrechnen.
  3. Verweisen Sie auf den Verkaufs- und Recruiting-Erfolg per Internet. Stoßen potenzielle Kunden und Bewerber auf förmliche Sprache, dann schreckt sie das ab – sie schließen von der unmenschlichen Sprache auf einen unmenschlichen Umgang des Unternehmens. Zudem gibt kein Mensch bei Google oder Youtube bürokratische Formulierungen ein, wenn er oder sie etwas sucht. Die Logik der Suchmaschine ist das Matching: Nur wenn die Texte des Unternehmens den Texten der Suchenden entsprechen, gibt es Ergebnisse. Will Ihr Unternehmen diesbezüglich erfolgreich sein, so muss es sich von der förmlichen Sprache verabschieden.

Über den Autor: Thilo Baum ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Komm zum Punkt! So drücken Sie sich klar aus“. Sein aktueller Titel ist „Schluss mit förmlich! So gelingt eine menschliche Unternehmenskommunikation“. Thilo Baum leitet außerdem die Rednerausbildung der German Speakers Association e.V. (GSA) und macht hin und wieder Beiträge für den Südwestrundfunk.


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