Edith Stier-Thompson

Nie zuvor wurden Frauen mehr gefördert als heute. Braucht es überhaupt noch ein weiteres Netzwerk? – so werde ich häufig gefragt. Ein klares „Ja“ ist meine Antwort, denn zum einen gab es bisher kein entsprechendes Netzwerk in der Kommunikationsbranche und zum anderen sind, trotz aller Förderung, immer noch zu wenig Führungspositionen mit Frauen besetzt – auch in unserer Branche und das obwohl der weibliche Anteil in der Kommunikation bei rund 70 Prozent liegt. Aus der Überzeugung, dies zu ändern, bin ich Gründungs- und erweitertes Vorstandsmitglied bei Global Women in PR Deutschland (GWPR).

Was ist das Geheimnis jener Minderheit, die es in Entscheidungspositionen schaffen? 70 Wochenstunden Arbeitszeit? Die richtige Mentorin zur richtigen Zeit? Glück, Zufall, Talent? Unsere Speakerinnen und Vertreterinnen bei GWPR Deutschland schildern in Netzwerktreffen ihre Erfahrungen und geben Tipps. Außerdem legen wir großen Wert darauf, das Thema Mentoring voran zu bringen. Wir wollen Frauen darin stärken, sich noch mehr zuzutrauen, an sich zu glauben und Dinge einzufordern. Die schnelle Karriere-Lösung über Nacht gibt es jedenfalls nicht. Die Fähigkeit, dran zu bleiben macht den Unterschied. Wichtig ist: Durchhalten können und leistungsbereit sein.

Netzwerk bietet gegenseitige Unterstützung

Tatsache ist, dass Frauen zu oft bei der Besetzung in Führungspositionen übersehen werden oder es sich selbst nicht zutrauen. Ein Karriere-Knick ist heutzutage auch immer noch die Familienplanung und die damit verbundene Doppelbelastung für Frauen. Kinder, Haushalt, sich um die Familie kümmern – das ist und bleibt in den meisten Ehen Hauptaufgabe der Frauen. Unser Netzwerk bietet gegenseitige Unterstützung. Junge Frauen treffen auf etablierte Führungsfrauen und sehen, dass es möglich ist, Kind und Karriere zu koppeln. Bei meinem Walk auf der Karriereleiter hat mir z.B. meine Mutter sehr geholfen, denn Ganztagsbetreuung war zu der Zeit genauso exotisch wie ich als in Vollzeit arbeitende Mutter.

Oft höre ich von Männern, dass es ja leider zu wenig Bewerberinnen gebe für Spitzenpositionen. Hier kann ich nur den Appell an alle männlichen Chefs aussprechen, bei den Kolleginnen zu hinterfragen, was sie davon abhält, sich für die Spitze zu bewerben. Einige Antworten auf diese Frage liegen aber auf der Hand: Ihnen fehlt eine Brücke zwischen Karriere und Familie, wenn sie beide Herausforderungen meistern wollen. Sie wünschen sich allseits akzeptierte flexible Arbeitszeiten und -orte! Sie vermissen „geteilte“ Führungspositionen, wie es uns Länder wie Schweden oder Norwegen vormachen. Und sie brauchen mehr weibliche Vorbilder, die sie ermutigen und ihre Erfahrungen aus dem Führungspostionen-Alltag teilen. Erfreulicherweise sehe ich immer öfter Frauen (auch wenn es eine deutliche Minderheit ist), die mutig sind und ihre Arbeitswelt in ihrem Sinne verändern und die jenseits der konventionellen Karriere Möglichkeiten schaffen, um das zu bekommen, was sie wollen. Wann immer ich kann unterstütze ich solche individuellen Wege – nicht nur, aber auch in meinem Team bei news aktuell. Ich gebe Tipps, bestärke sie und zeige ihnen für sie passende Wege (wie Teilzeit-Modelle, flexible Arbeitszeiten oder Home Office) auf.

Beispiel Kundenlunch

Ich habe zum Beispiel eine junge Mitarbeiterin, die eine erfolgreiche Account Managerin und eine taffe Frau zugleich ist. Oftmals wird sie auf den ersten Blick total unterschätzt, da sie eine Frau und zudem auch noch sehr zierlich ist. Kürzlich erzählte sie mir von einem wichtigen Kundenlunch bei dem der Kellner mit dem Essen kam und plötzlich zu ihr sagte „das vegetarische Gericht haben sicherlich Sie bestellt“. Mal davon abgesehen, dass so eine Aussage völlig fehl am Platze ist, habe ich sie gefragt, was sie daraufhin unternommen hat. Nichts sagte sie, da sie einfach so perplex war von dieser Aussage. Aber genau das ist falsch, sie hätte sich sofort beschweren und Respekt verschaffen müssen. Über diesen Ratschlag war sie sehr dankbar und sie wird in einer vergleichbaren Situation mit Sicherheit anders reagieren. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, bei denen ich gern coache.

„Gamechanging kann stattfinden“

Ich fördere gern und sehr bewusst kreative Wege, denn letztlich profitiere ich als Chefin ja selbst von motivierten Frauen im Team. Gleichzeitig ebnen starke Frauen, die ihre Arbeitgeber aktiv auf neue Karrierewege ansprechen und dafür kämpfen, auch den Weg für Männer, es ihnen gleich zu tun. Und damit kommen wir der Lösung auch auf anderem Weg ein Stück näher. Gamechanging kann stattfinden, wenn auch Männer beruflich flexibler sind und sich zum Beispiel die Elternzeit teilen.

Was ich also abschließend jeder jungen Frauen rate, die sagt: „Ich will Führungskraft werden!“? „Nur zu, habe Mut, sei taff, zeige Ellbogen und zeige viel Willenskraft auf dem Weg Richtung Spitze.“

Über die Autorin: Edith Stier-Thompson ist Geschäftsführerin der dpa-Tochter news aktuell Hamburg, sowie Gründungs- und erweitertes Vorstandsmitglied bei Global Women in PR Deutschland (GWPR).

Hörtipp: Wer Edith Stier-Thompson im O-Ton hören möchte, kann sich diese Ausgabe des Treibstoff-Podcast von news aktuell anhören. Darin äußert sie sich auch zum aktuellen Status Quo von Frauen in der Kommunikation.


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