Angelika Vagedes

Ein Blick auf Google Trends kurz vor der Bundestagswahl zeigt: Das Interesse an politischen Themen steigt an, wenn es emotional hoch hergeht – etwa bei der Aufhebung der Immunität von Frauke Petry oder der Bewilligung des Familiennachzugs syrischer Flüchtlinge. Dann schnellen die Suchanfragen in die Höhe. Geht es aber um weniger Spektakuläres, ebbt das Interesse sofort wieder ab. Wie aber bekommen auch Alltagsthemen der Politik für Bürger Relevanz? Wie kann sogar Begeisterung für Politik insgesamt entfacht werden? Live-Kommunikation als dialogisches Instrument der Kommunikation leistet dazu einen wirkungsvollen Beitrag.

Mission „Vertrauen zurückgewinnen“

Denn es geht um nichts Geringeres, als verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ereignisse wie der Brexit oder die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten haben ihre Spuren hinterlassen. Kommunikation muss derzeit auf ein zunehmendes Misstrauen gegenüber Politik, Wirtschaft, Medien und NGOs reagieren.

Volatile Kommunikationslandschaft

Bei der Planung der Bürgeransprache ist jedoch Umsicht geboten. Denn dieser „Grashalm“ steht in einer sehr volatilen, von Vertrauensverlust geprägten Kommunikationslandschaft. 80 Prozent der deutschen User nutzen Social Media und sind damit zumindest theoretisch in der Lage, selbst (Falsch-)Nachrichten in Form von Fotos, Texten, Videos und Streams oder über die Medien verbreitete alternative Fakten ungefiltert zu multiplizieren. Insbesondere für PR-Verantwortliche ist die autonome Netzgemeinde Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, weil der von Usern selbst generierte Content authentisch ist und an ein potenziell unbegrenztes Publikum verbreitet werden kann. Diese Reichweite und Glaubwürdigkeit kann über klassische Kanäle nicht erzielt werden. Welche Inhalte aber in Social Networks geteilt werden, ist nicht kontrollierbar. Das Internet kann wahlweise zum Beschleuniger politischer Botschaften oder der Desinformation werden.

Live-Kommunikation – Basis der Kommunikationsstrategie

An diesem Punkt kann Live-Kommunikation ein Ankerpunkt in der Kommunikationsstrategie sein, wenn es darum geht, Vertrauen mittels Dialog zwischen Politiken und Bürgern wiederherzustellen und Menschen für politische Themen Face to Face zu gewinnen. Denn sie stellt das unmittelbare, emotionale Erleben in den Fokus, bietet konkrete Berührungspunkte. Direkte Begegnungen bauen Kontakt für Kontakt Glaubwürdigkeit gegenüber einem Thema, Personen und Institutionen wieder auf – respektvoll und mit Verständnis für die andere Seite. Menschen, die sich gegenüberstehen, erkennen die Emotionen des anderen sofort, können darauf reagieren, Rückfragen stellen. Es entsteht echte Interaktion und Nähe. Begegnungen stiften aber auch Orientierung im Konzert politischer Botschaften.

Digitale Partizipation

Seine ganze kommunikative Wirkung erzielt ein Erlebnis, das naturgemäß zeitlich, räumlich und mit Blick auf seine Besucherzahl begrenzt ist, wenn es digital verlängert wird. Live-Kommunikation nutzt dafür, je nach Zielgruppe, die Reichweiten digitaler Kanäle – vor, während und nach dem Event. Per Website, Blog oder App kann jeder digital partizipieren und das Ereignis im Livestream direkt verfolgen. Social Networks wie Twitter, Facebook, Instagram oder Snapchat ermöglichen eine direkte Interaktion durch eigene Posts. Beispielsweise entsteht via Twitterwall ein Austausch zwischen Diskutanten, Publikum und am Thema interessierten Twitterern, die nicht live dabei sein können. Diese Kombination aus direktem und digitalem Dialog ermöglicht Politikern, nicht nur Interesse für Politik zu erzeugen, sondern mit Bürgern in einen echten Diskurs einzusteigen.

Raus aus der Filterblase

Vagedes Tag der offenen Tuer 2017Politiker verlassen dann ihre eigenen Filterblasen, wenn sie die Position des Bürgers einnehmen. Denn die Relevanz ihres „Produkts“ Politikprogramm entsteht nicht durch pure Vorgabe, sondern durch den Austausch. Kommunikation, die ankommen soll, muss Fakten, beispielsweise neue Richtlinien zur Energiepolitik, auf die tatsächlichen Lebenswelten jedes Einzelnen herunterbrechen und authentisch erzählen. Dafür nutzt die Politik unterschiedliche Dialogplattformen. Das Ziel: Mehr Bürgernähe. Im August beispielsweise lud die Bundesregierung unter dem Motto „Lust auf ein Date mit der Demokratie“ zum 19. Tag der offenen Tür nach Berlin ein (Foto links; © BMWi, Maurice Weiss), mit einem interaktiven Informations- und Unterhaltungsangebot – wie jedes Jahr im Spätsommer. Ein anderes Beispiel ist die Initiative „Gut leben in Deutschland“ mit deren Hilfe die Bundesregierung mit Bürgern in Deutschland einen Dialog über deren Verständnis von Lebensqualität führte. 

Auch Medien arbeiten mit direkten Begegnungen

Nicht nur im öffentlichen Sektor wird das Instrument der direkten Begegnung verstärkt eingesetzt, auch Medien entdecken seine Kraft. Mit dem Projekt „Deutschland spricht“ wagte „Zeit online“ im Frühsommer ein Experiment. Per Fragebogen zu fünf politischen Grundsatzfragen kamen jeweils zwei sich unbekannte Menschen zu einem Streitgespräch zusammen. Diskutiert wurde im Café um die Ecke über Flüchtlinge, Homo-Ehe, den Islam oder Russland und im Rahmen des Sonderressorts #D17 darüber berichtet. Der Sender ProSieben bringt im September mit „Ein Mann, eine Wahl“ eine neue Politik-Show. Moderator Klaas Heufer-Umlauf soll besonders junge Zuschauer an politische Themen heranführen, indem er in verschiedene Rollen schlüpft – mal konservativ, mal liberal, mal links und mit Spitzenpolitikern diskutiert.

Plattformen, die mit Elementen der Live-Kommunikation dialogische Ankerpunkte setzen und politische Botschaften geschickt in den digitalen Raum verlängern, sorgen für hohe Reichweiten, Interesse und Begeisterung des Bürgers. Und am 24. September vielleicht auch für mehr Vertrauen in die Demokratie.

Über die Autorin: Angelika Vagedes ist Mitbegründerin der unabhängigen Vagedes & Schmid GmbH, bei der sie seit 2009 gemeinsam mit Michael Vagedes und Christiane Schmid Geschäftsführerin ist. Die Agentur arbeitet seit Jahren für verschiedene Institutionen des öffentlichen Sektors und hat beispielsweise für das Bundeswirtschafts-, Bundesumwelt- und Bundesarbeitsministerium verschiedene Dialogplattformen organisiert und umgesetzt.


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