Franz Markus GfSucomo breitWenn PR-Leute Änderungen am Wikipedia-Artikel des eigenen Unternehmens vornehmen, scheitern sie häufig nicht nur an fehlenden Quellen oder komplizierten Regeln der Online-Enzyklopädie. Auch der Austausch mit anderen Wikipedia-Autoren geht nicht selten schief: Während PR-Leute ein konkretes Ziel vor Augen haben, werden sie von gestandenen Wikipedia-Autoren mit kryptischen Abkürzungen und den Grundsätzen des Projekts bombardiert. Beide Seiten haben vollkommen unterschiedliche Interessen – und wer etwas für sein eigenes Unternehmen erreichen will, sollte sich in Diskussionen darauf einstellen. Nachfolgend lesen Sie, was es dabei zu beachten gilt.

Der vorliegende Beitrag von Markus Franz (Foto) ist der dritte Teil einer Serie über Öffentlichkeitsarbeit in Wikipedia.

Wissen, wo überhaupt diskutiert wird

Um mit der Wikipedia-Community erfolgreich zu kommunizieren, müssen PR-Leute natürlich erst einmal wissen, wo überhaupt über ihr Unternehmen und dessen Wikipedia-Artikel diskutiert wird. Hier gilt es, insbesondere die „Artikeldiskussionsseite“ zu beobachten – diese ist aus jedem beliebigen Wikipedia-Artikel durch einen Klick auf „Diskussion“ erreichbar. Sinn und Zweck dieser Seite ist es, Änderungen am Artikel mit anderen Autoren zu besprechen. Im besten Fall wird auf der Diskussionsseite ein Konsens erzielt, bevor – und nicht erst nachdem – Änderungen an einem Artikel vorgenommen werden.

Wer für sein Unternehmen schon ein eigenes Benutzerkonto in Wikipedia erstellt hat, sollte natürlich auch die sogenannte „Benutzerdiskussionsseite“ beobachten. Dort können andere Wikipedia-Autoren Nachrichten hinterlassen, um zum Beispiel auf problematische Beiträge hinzuweisen. Wer diese Seite nicht liest und unbeirrt Artikel ändert, bekommt vielleicht Ermahnungen von Administratoren nicht mit – und läuft so Gefahr, dass das eigene Konto plötzlich gesperrt wird. Einen Link zur persönlichen (aber dennoch öffentlich einsehbaren) Benutzerdiskussionsseite finden angemeldete Wikipedia-Autoren oben neben dem eigenen Benutzernamen.

Warum sich Wikipedia-Autoren duzen

In Wikipedia gibt es die Regel, dass sich alle Community-Mitglieder duzen. Wer als Vertreter eines Unternehmens oder einer Agentur andere Autoren siezt, fällt automatisch unangenehm auf und macht sich ohne Not zum Außenseiter. Selbst wenn andere Wikipedia-Autoren das „Sie“ verwenden, können PR-Leute ruhig mit „Du“ antworten. Hinter der Regel, dass sich alle in Wikipedia duzen, steckt keine verrückte Idee, sondern eines der Grundprinzipien des Projekts: Wikipedia wird von Freiwilligen getragen, die in ihrer Freizeit aus Lust und Laune über Apfelsorten, Hörnchen oder andere verrückte Themen schreiben.

PR-Leute sollten stets beachten, dass sie in Diskussionen mit anderen Wikipedia-Autoren nicht einem x-beliebigen Geschäftspartner (oder Kunden) gegenübersitzen. Sie sollten sich dementsprechend anders verhalten und respektieren, dass weniger Förmlichkeiten als im Berufsleben ausgetauscht werden. Das ist kein Zeichen mangelnden Respekts der Community, sondern eher mit der sozialen Interaktion im heimischen Sportverein vergleichbar. Wer noch bedenkt, dass viele Wikipedia-Autoren aufgrund des rasanten Wachstums der Online-Enzyklopädie von der Wartung „ihrer“ Artikel gestresst sind, hat schon viel gewonnen.

Nicht fordern, sondern vorschlagen

Diskutieren PR-Vertreter mit anderen Wikipedia-Autoren, vergessen sie nicht selten, dass ihr Gegenüber nicht für seine Arbeit bezahlt wird. PR-Leute haben kein Recht, bestimmte Änderungen von anderen Autoren zu fordern – schließlich arbeiten diese freiwillig an der Enzyklopädie. Harsche Mitteilungen an andere Autoren, man habe bestimmte Inhalte unbedingt einzustellen oder zu entfernen, haben in Wikipedia nichts verloren. Es gilt stets, die Community mit stichhaltigen Argumenten von der eigenen Position zu überzeugen. Wer dabei die Gelassenheit verliert, verrennt sich schnell in unschöne Diskussionen und wird von anderen Wikipedia-Autoren als offensiv wahrgenommen oder sogar gesperrt.

Wenn möglich, sollten Änderungen am Wikipedia-Artikel des eigenen Unternehmens vor der Veröffentlichung auf der Diskussionsseite vorgeschlagen werden. Dazu kann man beispielsweise eine neue Version des Wikipedia-Artikels auf einer Unterseite des eigenen Benutzerkontos speichern und dann in der Diskussion verlinken. So können sie andere Autoren schnell und einfach prüfen – oder gleich freischalten. Selbst wenn niemand auf einen Vorschlag auf der Diskussionsseite antwortet, hat das einen enormen Vorteil: Wird der Artikel nach einer angemessenen Wartezeit dann direkt geändert, können PR-Leute bei problematischen Inhalten später immer argumentieren, sie hätten die Community ja vorher gefragt. Niemand kann ihnen dann mehr vorwerfen, sie wollten nur „Werbung“ machen und seien mit der Tür ins Haus gefallen.

Sucht aktiv nach Mitstreitern

Trotz aller Freundlichkeit, angemessenem Ton und stichhaltigen Vorschlägen kann es natürlich passieren, dass andere Wikipedia-Autoren einen PR-Vertreter in der Diskussion hart angehen und seine Änderungen pauschal ablehnen. Wer alle Regeln beachtet hat und trotzdem das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden, sollte sich nicht zu sehr in die Diskussion mit bestimmten Wikipedia-Autoren verbeißen. Stattdessen empfiehlt es sich, aktiv andere Community-Mitglieder anzusprechen, um sie für die eigene Sache zu gewinnen. Ideale Kandidaten können zum Beispiel solche Autoren sein, die früher häufig den eigenen Artikel bearbeitet haben. Wer das ist, zeigt die „Versionsgeschichte“ des Artikels.

Bei gravierenden Konflikten kann eine Anfrage auf der Seite „Dritte Meinung“ helfen. Dort können Wikipedia-Autoren – also auch angemeldete PR-Leute mit eigenem Benutzerkonto – unbeteiligte Dritte bitten, sich in eine Diskussion einzuschalten. Zwar hängt der Erfolg einer solchen Anfrage stark vom subjektiven Interesse anderer Autoren am Thema ab. In der Vergangenheit haben solche Anfragen aber Unternehmen schon aus so mancher misslichen Lage geholfen. Natürlich birgt die „Dritte Meinung“ immer das Risiko, dass die Position der Gegenseite durch weitere Meinungen noch verstärkt wird. Dann sollten sich PR-Leute zurückziehen und einsehen, dass ihr Anliegen nicht umsetzbar ist.

Über den Autor: Markus Franz, ist geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Sucomo OHG, Jena, die sich auf dieses Thema spezialisiert hat. Er schreibt seit vielen Jahren auch privat in Wikipedia.


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