Steinert Andreas CoachingstationVor rund zwei Wochen stellten Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig und die beteiligten Wissenschaftler die Shell Jugendstudie 2015 in Berlin vor. (Wir berichteten ausführlich.) Vielleicht ist es auf den Rahmen der Bundespressekonferenz zurückzuführen, dass die Berichterstattung sich hauptsächlich um das gestiegene Politikinteresse, den hohen Stellenwert der Familie oder die intensive Nutzung von Web- und Social Media drehte. Neu und besonders spannend für Arbeitgeber sind hingegen die erstmals erhobenen Erwartungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen (Jahrgänge 1989-2002) an ihre Berufstätigkeit. Gerade die Kommunikationsbranche sollten sich mit den Studienergebnissen auseinandersetzen, um auch in Zukunft ambitionierte und gute Mitarbeiter rekrutieren und halten zu können.

Arbeitsplatzsicherheit und Partizipation vor Karriere und Geld
Jugendliche sind sich über die Bedeutung von Bildung für ihre Berufsaussichten im Klaren. Sie investieren entsprechend viel Energie in ihre Ausbildung und leiten daraus hohe Erwartungen und Ansprüche an ihre zukünftigen Arbeitgeber ab. „Sehr wichtig“ (71 %) beziehungsweise „wichtig“ (weitere 24 %) ist der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz gefolgt von der Möglichkeit, „eigene Ideen einzubringen“ (58 % / 35 %). Eher klassische Karriereziele wie „gute Aufstiegschancen“ (37 % / 41 %) oder ein „hohes Einkommen“ (33 % / 44 %) landen auf Platz sieben und acht der Erwartungen an die Berufstätigkeit (Shell 2015, 79, Abb 2.6)

Work-Life-Balance und Anpassung der Arbeitszeit an die eigenen Bedürfnisse
Für die große Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist ein erfülltes Familienleben überdies wichtiger als eine reine Karriereorientierung. Neun von zehn Befragten (59 % / 32%) meinen, dass Familie und Kinder gegenüber der Arbeit nicht zu kurz kommen dürfen. Für vier Fünftel (40 % / 40 %) der Jugendlichen ist es sehr wichtig beziehungsweise wichtig, dass sie ihre Arbeitszeit kurzfristig an ihre Bedürfnisse anpassen können. Rund drei Viertel (43 % / 29 %) möchten in Teilzeit arbeiten können, sobald sie Kinder haben. (Shell 2015, 83, Abb 2.9). Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für junge Frauen noch deutlich wichtiger als für Männer. „Sie treten nicht nur besser qualifiziert und mit deutlich größeren Erwartungen an das Berufsleben heran als die jungen Männer, sondern darüber hinaus legen sie auch mehr Wert darauf, dass der Beruf nicht vollständig alles Private dominiert“ (Shell 2015, 87).

Die befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind bei allen hohen Erwartungen aber nicht blauäugig. So geht die Hälfte davon aus, dass die angestrebte ‚Work-Life-Balance‘ im Alltag schwer erreichbar ist und dass wegen der Berufstätigkeit zu wenig freie Zeit bleiben wird. Zugleich stimmt auch fast die Hälfte der Befragten (16 % / 31 %) der Aussage zu, „wenn man im Beruf etwas werden will, gehören Überstunden einfach dazu“. Beinahe zwei von drei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (32 % / 31 %) würden außerdem am Wochenende arbeiten, wenn sie unter der Woche dafür einen Freizeitausgleich bekämen (Shell 2015, 83, Abb 2.9).

Ein grundsätzlicher Mangel an Einsatzbereitschaft und eine prinzipielle nine-to-five-Mentalität sehen anders aus. Künftige Berufseinsteiger erscheinen eher selbstbewusst und klar, wie ihre Lebensgestaltung aussehen soll. Sie wirken kompromissbereit, fordern aber für ihre Leistungen auch klare Gegenleistungen.

Wie damit umgehen?
In der Kommunikationsbranche wie auch in anderen Beratungsbranchen war die Aussicht auf vergleichsweise gute Karriereaussichten und hohe Gehälter lange Zeit das Versprechen, mit dem sich Mitarbeiter darüber hinwegtrösten konnten, Überstunden ohne Ausgleich zu leisten und ihr Privatleben dem Job unterzuordnen. Dort, wo das nicht mehr in stiller Selbstverständlichkeit passiert, attestieren Agenturmanager ihren Mitarbeitern eine grassierende „Freizeitmentalität“. So gehören Klagen über eine maßlos anspruchsvolle und nicht leistungsbereite „Generation Y“ (und demnächst wohl auch Generation Z) mittlerweile in vielen Unternehmen zum Alltag. Abgesehen davon, dass larmoyantes Gerede nichts verändert, verhindert es die Suche nach Antworten auf die entscheidende Frage: Wie müssen heutzutage die Rahmenbedingungen gestaltet werden, damit Mitarbeiter im Unternehmen die bestmöglichsten Leistungen erbringen?

Auch ohne überschäumende Phantasie wird schnell klar, dass eine Vielzahl von Ansätzen in Frage kommt. Anspruchsvoll aber auch besonders lohnend erscheint es, an der Rekrutierungs-, Führungs- und Kommunikationspraxis zu arbeiten.

Rekrutierung – Wissen, wer und was passt
Wer Berufsanfänger einstellt, muss sich mit dem einzelnen Kandidaten intensiv befassen. Dazu sollte vorab anhand eines Kompetenzprofils genau geklärt sein, wen und was man eigentlich sucht. Standardisierte Tests wie beispielsweise der „BIP-6F“ können die Profilbildung und die Vorauswahl gut unterstützen. Das Kandidaten-Interview hat dabei aber weiterhin eine Schlüsselfunktion. Gute Fragen und Nachfragen entscheiden hier über die Gesprächs- und Erkenntnisqualität und damit über die erfolgreiche Auswahl des passenden Mitarbeiters.

Führung – mit der Erfolgsorientierung ernst machen
Viele Führungskräfte klagen über eine rückläufige Bereitschaft ihrer Mitarbeiter, Überstunden zu machen. Eine aktuelle Yougov Studie zeigt, dass lediglich 20 Prozent der Befragten eine tägliche Arbeitszeit von acht bis zehn (und mehr) Stunden als ideal empfinden. Im Umkehrschluss folgt daraus aber auch, dass vier von fünf Arbeitnehmern am liebsten acht und weniger Stunden arbeiten wollen. Anstatt diese Haltung als „Dienst nach Vorschrift“ zu brandmarken, an den zuvor selbst eingestellten Leuten zu verzweifeln oder regelmäßig Überstunden einzufordern, sollten Führungskräfte sich tagtäglich darauf konzentrieren, Hürden aus dem Weg räumen, die effiziente und erfolgsorientierte Arbeitsprozesse behindern.

Kommunikation – Zusammenarbeit durch Moderation fördern
Ein der wichtigsten Führungsaufgaben besteht darin, die Zusammenarbeit in und zwischen Teams zu fördern. Denn gute Teams erfüllen ihre Aufgaben ohne Hilfe oder Sanktionen von „oben“ weitgehend selbstständig. Dieses Ideal der Teamarbeit wird in der Realität immer wieder gestört. Sei es, weil einzelne Teammitglieder durch Veränderungen im persönlichen Umfeld (Elternschaft, Pflege, Heirat, Scheidung…) bei der Arbeit nicht wie gewohnt „funktionieren“, oder der Druck von Kunden, Vorgesetzten oder Anteilseignern im Team den Ton vergiftet. Dann hilft eine (externe) Moderation, die Konflikte zu klären und öffnet Wege, zur gewohnten angenehmen und effizienten Zusammenarbeit zurückzukehren.

Zur Shell Jugendstudie
Für die 17. Shell Jugendstudie 2015 wurden vom 7. Januar bis 2. März 2015 über 2.500 Jugendliche der Jahrgänge 1989-2002 interviewt. Die Erhebung erfolgte anhand von durchschnittlich 49-minütigen Einzelinterviews. Die Shell Jugendstudie liefert seit 1953 die umfassendste Datensammlung zu dieser Altersgruppe in Deutschland. Durch die regelmäßige Durchführung lassen sich längerfristige Entwicklungen und Trends erkennen. Die vollständige Studie liegt als Buch oder E-Book vor.
Professor Klaus Hurrelmann, einer der Co-Autoren der Studie, stellt in diesem kurzen Video auf YouTube zentrale Anforderungen der künftigen Berufseinsteiger an ihre Arbeitgeber heraus.

Über den Autor: Andreas Steinert arbeitet nach 20 Jahren als Kommunikationsberater und Agenturmanager seit 2006 als Coach mit den Schwerpunkten der Führungskräfte-, Team-, und Organisationsentwicklung. In diesem Zusammenhang bietet er im Rahmen seiner Coachingstation  auch Moderationen an.


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