Heinz Sielmann Stiftung warnt vor KI-Tierbildern „Man vertraut der KI schon zu sehr“
KI macht Natur schöner als sie ist und damit biologisch falsch. Diese vermeintliche Randthema entwickelt sich rasant zu einer Herausforderung für Medien, Bildung und Naturschutz. Denn künstlich erzeugte Tierbilder fluten längst professionelle Bilddatenbanken, tauchen in Schulmaterialien auf und verbreiten sich in sozialen Netzwerken millionenfach. Die Heinz Sielmann Stiftung schlägt deshalb Alarm: Wenn Natur nur noch als KI-Ästhetik statt als dokumentarische Wirklichkeit wahrgenommen wird, geraten Wissen, Wertschätzung und Schutzbereitschaft ins Rutschen. Wir haben mit Florian Amrhein, Pressesprecher der Stiftung, gesprochen.
PR-Journal: Herr Amrhein, die Heinz Sielmann Stiftung warnt vor KI-generierten Tierbildern. Was war der konkrete Auslöser, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?
Florian Amrhein: Das ist weniger eine plötzliche Erkenntnis als eine kontinuierliche Erfahrung. In unserer Öffentlichkeitsarbeit nutzen wir regelmäßig Bilddatenbanken und sehen dort, wie stark KI-generierte Motive zunehmen. Auf Adobe Stock beispielsweise sind inzwischen mehr als ein Drittel der dort verfügbaren Tierbilder künstlich erzeugt. Das ist in kürzester Zeit passiert. Die Hürde ist fast verschwunden, die Tools sind leicht zugänglich und vielen ist gar nicht bewusst, dass sie KI-Bilder für reale Naturaufnahmen halten.
PR-Journal: Viele würden sagen: „Wenn es hübsch aussieht, ist es doch egal.“ Warum ist aus Ihrer Sicht gerade bei Tieren und Naturbildern die Grenze zwischen Ästhetik und Wahrheit so entscheidend?
Amrhein: Weil das Wissen über Natur ohnehin abnimmt. Wir erleben in der Umweltbildung, dass Kinder und Jugendliche KI-Bilder für echte Fotos halten – und dadurch häufig ein falsches Bild von Natur entwickeln. Künstliche Darstellungen fördern Unwissen. Heinz Sielmann hat einmal gesagt: Nur was man kennt, schützt man auch. Wenn dieser Bezug fehlt, fehlt auch das Verständnis und damit langfristig der gesellschaftliche Wille, Natur zu bewahren.
PR-Journal: Welche Risiken entstehen daraus konkret für den Natur- und Artenschutz?
Amrhein: Wenn man eine Kröte nicht von einer Unke unterscheiden kann, fehlt einem ein Stück Verständnis dafür, warum bestimmte Lebensräume oder Arten besonders schützenswert sind. Wir befinden uns in einer massiven ökologischen Krise – Artensterben, Klimawandel, Verlust an Biodiversität. Wenn in der Bevölkerung kein Wissen mehr über die Zusammenhänge existiert, entsteht auch kein öffentlicher Handlungsdruck und keine politische Bühne für diese Themen.
PR-Journal: KI-Modelle sollen immer besser werden bzw. haben ja auch schon deutlich an Qualität zugenommen. Warum scheitern sie ausgerechnet bei Tierarten so häufig?
Amrhein: Weil die Trainingsdaten oft fehlerhaft oder unvollständig sind. Wo Metadaten fehlen, „halluziniert“ die KI plausible, aber falsche Merkmale – etwa falsche Gliedmaßen, Farben oder Körperproportionen. Eine Libelle hat dann schnell mal acht statt sechs Beine und lange Fühler wie ein Schmetterling. In Fachkontexten wie Bildungsmaterialien oder wissenschaftlichen Publikationen ist das hochproblematisch. Studien sprechen hier von einer negativen Rückkopplung: Die KI lernt aus bereits verfälschten Datensätzen und verstärkt die Fehler – Stichwort Model Collapse. Natürlich kann KI auch im Artenschutz sinnvoll eingesetzt werden, aber für die visuelle Darstellung von Natur braucht es weiterhin menschliche Expertise.

Besonders charakteristisch für Unken sind ihre herzförmigen Pupillen (l.). Im KI-Bild (r.) sind daraus ovale Frosch-Pupillen geworden. Ihre namensgebende Färbung hat die Gelbbauchunke ausschließlich auf der Unterseite am Bauch und Hals, von oben ist das Tier unscheinbar bräunlich und somit am Boden gut getarnt. Im KI-Bild sind auch die Beine und Finger gelb gefärbt. Der gesamte Körperbau entspricht im KI-Bild mehr einem Frosch als einer Unke. Das Maul der KI-Kröte ist deutlich breiter, die Augen stehen seitlicher ab. Zudem wirkt das Tier ungewöhnlich sauber. (Foto: G. & R. Kistowski/Matthias Neumann)
PR-Journal: Fachleute erkennen solche Fehler – Laien kaum. Wie groß ist die Gefahr, dass KI-Bilder in seriöse Medien oder Schulmaterialien einfließen?
Amrhein: Sie ist real und wächst. Wir dürfen nicht darauf vertrauen, dass sich das Problem von allein löst. Ein echtes Naturfoto hat immer einen dokumentarischen Wert – es zeigt ein Tier in seiner natürlichen Umgebung, mit seinem typischen Verhalten. Diese Authentizität kann keine KI ersetzen. Und sie ist wichtig: Insektenarten zum Beispiel sind oft nur in bestimmten Habitaten nachweisbar. Ein echtes Foto ist damit auch ein Beleg für das Vorkommen. Das ist ein Wert, den künstliche Bilder nie haben werden.
PR-Journal: Welche Verantwortung tragen Journalist:innen und Agenturen, wenn sie KI-Visuals verwenden?
Amrhein: Eine große. Wer Natur darstellt, sollte wissen, was er zeigt und in welchem Kontext. Gute journalistische Praxis bedeutet, Bildquellen zu prüfen, fachliche Expertise einzubeziehen und KI-Motive klar zu kennzeichnen. Besonders dort, wo Wissen vermittelt wird, ist Transparenz entscheidend. Außerdem sollten wir die Arbeit professioneller Tierfotograf:innen und Naturfilmer:innen wertschätzen. Sie erzählen Geschichten, die berühren, und schaffen damit echten Zugang zur Natur. Das gelingt nur mit realen Bildern.
PR-Journal: Wir sollten also kritisch bleiben und sauber arbeiten.
Amrhein: Unbedingt. Bei vielen Menschen hat sich mittlerweile ein gewisser Vertrauensreflex gegenüber KI eingeschlichen. Viele halten automatisch für echt, was realistisch aussieht. Das ist besonders auf Social Media zu beobachten, wo zuhauf KI-generierte Tierbilder kursieren, die für reale Fotos gehalten und massenhaft geteilt werden. Wer Natur ernsthaft zeigen will, steht heute mehr denn je in der Verantwortung, sauber zu recherchieren und auf qualifizierte Quellen statt auf schnelle KI-Lösungen zu vertrauen.