Demodern IKEA VR BrillenKommunikationsagenturen müssen heute digitale Trend-Scouts sein. „The Next Big Thing“ verpassen will keiner. Unternehmen aus PR, Werbung und Digitales entsenden nicht zuletzt deshalb ihre Mitarbeiter zu führenden Kongressen wie dem Mobile World Congress in Barcelona, dem SXSW in Austin oder der Consumer Electronics Show in Las Vegas, was sich in einer stattlichen Reisekostenrechnung niederschlägt, aber natürlich auch zu Ideen für Kampagnen führen kann. Viele Inspirationen, nur was lässt sich monetarisieren? Das liegt meist nicht in der Hand einer Agentur, sondern hängt vielmehr von technischen Entwicklungen ab. Welches Potenzial beispielsweise Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) – zwei der vermeintlich heißesten Trends – mit sich bringen, weiß aktuell niemand so genau. Erste Agentur-Cases gibt es bereits (siehe dazu auch diesen Bericht im "PR-Journal"): Von der Digitalagentur Demodern (Foto) zum Beispiel: IKEA-Kunden am Standort Berlin-Lichtenberg können mit VR-Brille ihre Räume virtuell einrichten.

Oder von Weber Shandwick: Journalisten erhielten auf der Grünen Woche Virtual-Reality-Einblicke in Schweine- und Hühnerställe. fischerAppelt lässt Mitarbeiter des Pharma- und Technologieunternehmens Merck spielerisch an dessen Neupositionierung teilhaben – mit VR-Brille. Während sich bei Virtual Reality Nutzer komplett abgeschirmt in eine interaktive virtuelle Umgebung begeben, vermischt Augmented Reality reale Welt und virtuelle Realität. Es entsteht eine zweite Ebene, ein Auto scheint beispielsweise nach Aufsetzen der Sehhilfe im Raum des Betrachters zu schweben.

Der Optimismus in die Technologie ist gewaltig. Die Investmentbank Goldman Sachs erwartet bis 2025 einen jährlichen Umsatz für Soft- und Hardware im VR- und AR-Segment von mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Facebook, Google und Microsoft investieren massiv und verfeinern ihre existierenden Brillentechnologien Oculus Rift, Cardboard und HoloLens immer weiter.

Schliefer Hilmer Kaethe fischer appeltfischerAppelt ist mit Gründung einer eigenen Unit für VR und AR jetzt PR-technisch in die Offensive gegangen und hat signalisiert, dass man in diesem Segment eine führende Rolle einnehmen will. Für die Hamburger hat die Unit strategische Bedeutung. „Für uns geht es darum, frühzeitig eine Nische zu besetzen, der wir enormes Potenzial zutrauen“, erläutert Christoph Käthe (Foto: r.), Head of Branded Content am Standort Berlin. Gemeinsam mit Frank Schliefer (l.), Director Production Force in Stuttgart, sowie Roman Hilmer (m.), Creative Director und Geschäftsführer der Digital-Unit Fork Unstable Media, leitet er die neue Unit.

Anwendungen von Tourismus, Fashion bis Maschinenbau

Projekte realisieren die Content-Spezialisten komplett inhouse. „Für einen großen Automobil-Kunden erstellen wir bereits seit vielen Jahren E-Learning-Module. Mit einer entsprechenden Brille können Teilnehmer der Schulungen jetzt in Bremssysteme, Motorräume oder die Abgasreinigung regelrecht eintauchen und sie in 3D erleben“, erläutert IT- und Bewegbildexperte Schliefer. Das Interesse an den Trainings sei mit den technischen Veränderungen deutlich gestiegen. „Was mögliche Kunden angeht, sind praktisch keine Grenzen gesetzt“, so Käthe und Schliefer im Gespräch. Fashion, Möbel, Maschinenbau, Tourismus und Automobil nennen sie als Hauptzielgruppen. Besonders großes Interesse würden Kunden im Bereich Live-Kommunikation mit Messen oder Produkt-Launches signalisieren. Eine Geschichte virtuell in einer in Echtzeit gescannten Umgebung weiter zu erzählen, darum gehe es.

Geschichte kommt vor Technologie

Rottsahl Nils edelmanStorytelling? Geschichten? „Entscheidend für den kommunikativen Einsatz von VR und AR ist, dass die Geschichte stimmt. Der Einsatz der Technologie muss von der Geschichte getragen werden. VR und AR dürfen nicht nur zum Einsatz kommen, weil es gerade ein Trend ist“, sagt beispielsweise Nils Rottsahl (Foto), Head of Studios und Executive Producer bei Edelman.ergo. „Und sind wir einmal ehrlich: Wer findet es nicht spannend, mittendrin zu sein, statt einfach nur vor einem Bildschirm zu sitzen?“ Bisher sei der Ansatz vorrangig, spezielle Zielgruppen mit geringen Streuverlusten und wichtige Influencer zu erreichen als die breite Masse. Journalisten seien eine mögliche Zielgruppe. Cases hat vor allem die schwedische Dependance des Netzwerks Edelman Deportivo bisher umgesetzt.

Rosenthal Adrian Digitalchef MSL GermanyDoch warum reden jetzt alle von Virtual Reality, obwohl die Technologie in der Gaming-Szene längst etabliert ist? Für Adrian Rosenthal, Digitalchef bei MSL Germany, ist diese Entwicklung technikgetrieben. „Die Geräte werden einfacher und günstiger, sind aktuell aber noch zu unhandlich.“ VR-Brillen gibt es für Preise ab zehn Euro. Nachteilig sind das Verbindungskabel zum Rechner und die notwendige hohe Arbeitsleistung des Abspielgeräts. MSL kann bereits auf Cases aus dem Publicis-Netzwerk verweisen. Ansonsten lege die Agentur Wert darauf, das Thema frühzeitig zu besetzen, so Rosenthal (Foto l.). „Wir wollen für unsere Kunden Ideengeber sein und zeigen beispielsweise in Workshops auf, welche Möglichkeiten es gibt, mit Hilfe von VR zu kommunizieren“, sagt er. „Die Kunden sind aufgeschlossen – das Interesse ist da.“ Dass die Technik einen Überlebenskampf erleide wie das inzwischen zu einer Avatarwüste verkommene Second Life hält er für ausgeschlossen.

Virtuelle Pressereise

Schulz Christian CEO WeberShandwick2017Eine konkrete Anwendung eines Kunden beschreibt Christiane Schulz (Foto r.), Geschäftsführerin bei Weber Shandwick. Die Initiative Tierwohl habe VR genutzt, um Journalisten im Rahmen der Grünen Woche in Berlin einen Einblick in einen Hühner- und einen Schweinstall zu geben. „Das hat super funktioniert und ist sehr gut angekommen. Die Journalisten hätten wir niemals mit dem Bus zu einem dieser Ställe bringen können“, betont Schulz. Das Potenzial schätzt sie verhalten optimistisch ein. „Im Bereich VR sehen wir generell nicht so einen großen Einsatz in der Zukunft, da für die Nutzung immer der Nutzer eine spezielle Brille aufsetzen muss, was schon sehr umständlich ist.“ Anders sehe es beim Thema AR aus. „Hier sind wir davon überzeugt, dass wir perspektivisch eine stärkere Einbindung in Kommunikationskampagnen sehen werden.“ Der Storytelling-Gedanke dominiert auch bei Weber Shandwick.

Dass Virtual und Augmented Reality für Kommunikationsagenturen noch Zukunftsthemen sind, darauf könnte folgende Randnotiz hinweisen. Die ansonsten digital sehr gut aufgestellte Agentur achtung! erklärt beispielsweise, dass man zwar individuelle Lösungen mit Kunden bespreche, aber ehrlicherweise noch nicht der richtige Ansprechpartner für dieses Thema sei.


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