Varnhagen von Ense Karl 1839 Zeichnung von Samuel Friedrich DiezBentele GuenterDie Geschichte der Profession gehört – bei den klassischen Professionen wie Ärzten oder Juristen – zum Kern professionellen Wissens. Man würde sich sehr wundern, wenn der eigene Hausarzt noch nie etwas vom Eid des Hippokrates gehört hätte. Günter Bentele (Foto), emeritierter Leipziger Kommunikationsprofessor, forscht seit 20 Jahren (auch) zur PR-Geschichte in Deutschland und stellt im „PR-Journal“ in einer Artikelserie einige für die Entwicklung des Berufsfelds wichtige Vertreter, Organisationen und Instrumente vor.

Von Günter Bentele, Leipzig und Berlin

Die „Erfindung“ der Public Relations in Deutschland, das heißt das Aufkommen einer neuen, sozialen Praxis, eines Berufsfeldes, das für politische und wirtschaftliche Organisationen, aber auch die Gesellschaft als Ganzes wichtige Konsequenzen haben sollte, lässt sich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ansetzen. Eine wichtige Rolle spielte dabei Karl August Varnhagen von Ense (siehe nebenstehende Zeichnung von Samuel Friedrich Diez).

Natürlich gab es auch schon vorher bewusste und auch strategisch geplante kommunikative Tätigkeiten von Fürsten, Kaisern, mittelalterlichen Herrschern, Päpsten oder anderen Religionsführern, die sinnvollerweise als Vorgeschichte der PR zu beschreiben und zu reflektieren sind. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber sind alle Kriterien für die Existenz einer „modernen Public Relations“ erfüllt. Moderne Public Relations können durch Vollzeit-Kommunikations-Aktivitäten eines oder mehrere Akteure in beziehungsweise für eine Organisation definiert werden, die die Informations- und Kommunikationsprozesse zwischen der Organisation und für die (internen und externen) Öffentlichkeiten oder Stakeholdergruppen managen.

Das Entstehen der modernen PR setzt die Existenz eines entwickelten Mediensystems der Gesellschaft und damit eine strukturierte öffentliche Sphäre, also eine entwickelte Öffentlichkeit, voraus. Erst unter diesen Bedingungen beginnt sich ein Berufsfeld Public Relations zu entwickeln, dessen Zahlen anfangs noch recht klein sind. Zur Zeit des Wiener Kongresses dürfte die Zahl der im Auftrag arbeitenden „Literaten“ Preußens nicht höher als acht bis zehn gewesen sein. Sicher ist allerdings, dass auch andere Regierungen (Österreich, Russland, England, auch Frankreich) solche „offiziösen Publizisten“ bzw. Kommunikationsmanager für sich haben arbeiten lassen. Die ersten festangestellten Literaten in der Wirtschaft sind erst einige Jahrzehnte später eingestellt worden.

Karl August Varnhagen von Ense, der während des Wiener Kongresses und auch danach im Auftrag von Hardenbergs, dem preußischen Staatskanzler, für die preußische Regierung kommuniziert, spielt in diesem Entstehungsprozess eine herausragende Rolle. Die bisherige biographisch-historische Forschung zu Varnhagen hat diesen Aspekt (Varnhagen als erster Vertreter einer sich entwickelnden, modernen Public Relations) entweder ganz übersehen oder ihn nur am Rande behandelt. Nur wenige Historiker und Historikerinnen wie Konrad Feilchenfeldt (1970), Werner Greiling (1993) oder Andrea Hofmeister-Hunger (1991) haben den Kommunikationsaspekt in der Varnhagen Biographie bzw. die Entstehung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit etwas ausführlicher thematisiert.

Wer war Karl August Varnhagen von Ense (1785-1858)?

Karl August wird am 21. Februar 1785 in Düsseldorf geboren, Sohn eines Arztes, der selbst Kind eines „Garnisonsmedicus“ war. Varnhagen bekommt die Atmosphäre der Französischen Revolution nach 1789 schon als Kind mit, unter anderen dadurch, dass er als Jugendlicher seinen Vater nach Straßburg begleitet hatte. Er studiert Medizin, kommt aber auch schon früh mit bekannten Philosophen und Schriftstellern in Kontakt. Mit 19 Jahren beginnt er seine literarische Karriere, er arbeitet unter anderem mit Adalbert von Chamisso am „Berliner Musenalmanach“ zusammen. 1809 schließt er sich der österreichischen Armee an, wird im selben Jahr in der Schlacht bei Deutsch-Wagram verwundet, bevor er 1810 anlässlich eines viermonatigen Paris-Aufenthalts unter anderem eine Audienz bei Napoleon hat. 1813 fungiert Varnhagen als Herausgeber der „Zeitung aus dem Feldlager“ in Freiherr von Tettenborns Stab und arbeitet an der „Geschichte der Kriegszüge des General Tettenborn“ (1814).

Am 27. September 1814 heiratet er Rahel Levin bzw. Rahel Varnhagen, die zuvor in Berlin einen bekannten „Literarischen Salon“ geführt hatte. Vom Oktober 1814 bis zum Juni 1815 nimmt er am Wiener Kongress als „Legationssekretärs“ teil. Karl August von Hardenberg, der schon früh die Wichtigkeit und auch Macht der öffentlichen Meinung erkannt hatte, hatte Varnhagen gebeten, publizistisch für ihn und für die Position Preußens zu arbeiten. Diese Funktion behält er auch nach dem Wiener Kongress, 1815, bei, als er von Paris aus als „offiziöser Publizist“ für Hardenberg tätig ist und unter anderem an einer „Geschichte des Wiener Kongresses“ arbeitet, die aber nie erscheint. Varnhagen wird preußischer Geschäftsträger in Karlsruhe und 1817 zum „Minister Residenten“ ernannt. Zwei Jahre später gibt es dort Kompetenzstreitigkeiten und Varnhagen wird auf Betreiben Metternichs wegen „liberaler Umtriebe“ abgelöst.

Von 1825-1831 arbeitet Varnhagen als Geheimer Legationsrat im preußischen Außenministerium unter Graf Christian Günther von Bernstorff. Varnhagen hat Beziehungen zu vielen Geistesgrößen seiner Zeit, auch Goethe besucht er mehrfach. Im zweiten Literarischen Salon seiner Frau Rahel während der zwanziger Jahre sind unter anderen Hegel, Leopold von Ranke, Alexander von Humboldt, Heinrich Heine und viele andere zu Gast. 1833 stirbt Rahel, 1835 scheidet Varnhagen aus dem Staatsdienst aus. Er wird Augenzeuge von Kämpfen während der März-Revolution 1848 in Berlin. Am 10. Oktober 1858 stirbt Varnhagen, 73 Jahre alt, in Berlin.

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Literatur:

  • Feilchenfeldt, K. (1970). Varnhagen von Ense als Historiker. Amsterdam: Erasmus.
  • Greiling, W. (1993). Varnhagen von Ense – Lebensweg eines Liberalen. Politisches Wirken zwischen Diplomatie und Revolution. Köln, etc.: Böhlau.
  • Hofmeister-Hunger, A. (1994). Pressepolitik und Staatsreform. Die Institutionalisierung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit bei Karl August von Hardenberg (1792-1822). Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

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