„Spiegel“-Redakteurin und Buchautorin Melanie Amann (Foto: ©Fotostudio Charlottenburg)

Interview mit „Spiegel“-Redakteurin Melanie Amann über die Kommunikation der AfD

Führende Politiker der Alternative für Deutschland (AfD) haben mit Äußerungen wie dem „Schießbefehl“ an der Grenze, der Abwertung von Jerome Boateng als „Nachbar“ oder mit Tweets wie „Es sind Merkels Tote“ nach dem Berliner Terroranschlag weite Teile der Öffentlichkeit schockiert. „Tabubrüche“ nennt Melanie Amann diese Form der Kommunikation. Die „Spiegel“-Redakteurin hat über die AfD das Buch „Angst für Deutschland“ geschrieben. Im Interview mit dem „PR-Journal“ schildert sie, wie die AfD mit der Wahrheit umgeht und warum Teile der Partei positiv auf ihr Buch reagiert haben.

Melanie Amann begleitet die AfD seit 2013 und hat die Entstehungsgeschichte, die Repräsentanten und Perspektiven der AfD in ihrem Buch „Angst für Deutschland“ analysiert. Für Amann steht fest: „Jeder der Akteure in der AfD kommuniziert für sich selbst.“ Einen kommunikativen Masterplan gebe es nicht. Die Parteispitze sei viel zu zerstritten, um sich überhaupt auf eine einheitliche Kommunikation einigen zu können.

PR-Journal: Frau Amann, die AfD zeichnet sich dadurch aus, dass sich verschiedene Akteure inhaltlich zu denselben Themen und dann meist sehr provokativ äußern. Besitzt die Partei eine Kommunikationsstrategie?

Melanie Amann: Es gibt keine formal beschlossene Kommunikationsstrategie, die professionell konzipiert wurde. Aber es existieren ähnliche Methoden, mit denen die relevanten AfD-Leute arbeiten. Sie haben eher aus der Not eine Tugend gemacht, als sie gemerkt haben, dass man mit bestimmten Provokationen einfach gut landen und Aufmerksamkeit erregen kann – und die Fangemeinde erfreut. Am Ende steht häufig der Tabubruch. Das hat man dann zur Strategie erklärt.

PR-Journal: Inwieweit stimmen sich die Hauptakteure der AfD wie Frauke Petry, Alexander Gauland, Beatrix von Storch und Björn Höcke darüber ab, was sie gegenüber Öffentlichkeit und Medien kommunizieren?

Amann: Es kommuniziert grundsätzlich jeder für sich. Es gibt zwar mit Christian Lüth einen Pressesprecher, der für die Pressearbeit des gesamten Bundesvorstands zuständig ist – allerdings nicht für die von Frauke Petry. Sie hat in der Bundesgeschäftsstelle mit Oliver Lang jemanden, der früher für die FDP in Sachsen gearbeitet hat und jetzt Ansprechpartner für die Berliner Journalisten für alle Petry-Themen ist. Dann hat für Petry bisher noch Michael Klonovsky (ein ehemaliger ‚Focus‘-Redakteur; Anmerkung der Redaktion) als publizistischer Berater gearbeitet. Aber es gibt keine Abstimmung unter Petry, Gauland, Höcke und anderen Mitgliedern des Bundesvorstands, weil sie miteinander verfeindet sind und sich nur im Notfall auf eine gemeinsame Erklärung einigen können.

PR-Journal: Welche Kommunikationswege nutzt die AfD? Ähnlich wie bei Trump fällt eine extensive Kommunikation bei Twitter und Facebook auf.

Amann: Es gibt Pressemitteilungen der AfD und Pressemitteilungen von Frauke Petry. Letztere bekomme ich aber nicht, da ich nicht auf ihrem Verteiler bin. Ein Journalistenkollege leitet mir ihre Mitteilungen und Hinweise auf Termine freundlicherweise immer weiter. Das ist das 0815-Pressegeschäft sozusagen. Dann nutzen Frauke Petry und die anderen Bundesvorstandsmitglieder natürlich stark die sozialen Medien wie Twitter und Facebook. Jeder hat hier seine eigene Kommunikation und bestimmt selbst, was er oder sie kommuniziert. Dazu gibt es mit AfD TV ein Videoformat, das man uns als Journalisten statt eines Vor-Ort-Besuchs gerne als Informationsquelle nahelegt, um über Veranstaltungen zu berichten. Ich gehe davon aus, dass die Partei AfD TV weiter ausbauen wird.

PR-Journal: Inwieweit agieren im Hintergrund Berater oder eine Agentur, die die Partei bei der Kommunikation unterstützen?

Amann: Mir sind keine Agenturen bekannt, außer denen, die beispielsweise die Werbeplakate gestalten. Angeblich hat dem Bundesvorstand mal ein Werber aus der Schweiz ein Konzept für die Positionierung als Marke vorgestellt. Es existieren ansonsten keine Kommunikationsstrategen im Hintergrund, die der Partei eine umfassende Kommunikationsstrategie oder einen Plan entwickelt hätten, wie die AfD mit den Medien kommunizieren sollte. Das Problem mit einem Kommunikationsstrategen wäre ja auch, dass man so eine Person beauftragen und sich auf diese im Bundesvorstand einigen müsste. Bei jedem Vorschlag im Bundesvorstand würde die eine Seite sagen, der Kandidat sei ein U-Boot der Gegenseite. Er herrscht da keine Einigkeit. Die Pressesprecher machen nur die einfache Pressearbeit und schreiben Reden.

PR-Journal: Von der Höcke-Rede abgesehen scheint es länger keinen Tabubruch mehr gegeben zu haben, der das Niveau wie die Äußerungen zum „Schießbefehl“ erreicht hätte. Aktuell sieht man Frauke Petry auch mal menschlich mit Tränen in den Augen oder wie jetzt im „Spiegel“ mit Babybauch. Inwieweit hat sich die Kommunikation der AfD verändert?

Amann: Auch hier ist es wieder die Entscheidung jedes einzelnen, wie er sich positionieren und welchen Ton er setzen will. ‚Do it yourself‘. Ein Grund, warum man solche Äußerungen seltener hört, ist schlicht, dass es weniger Interviews mit AfD-Vertretern gibt. Sie werden nicht mehr so häufig angefragt. Die Partei ist seit der Höcke-Rede als Interviewpartner für Medien unattraktiver geworden. Das war für viele ein Wendepunkt. Es ist ebenfalls so, dass sich die AfD-Vertreter mehr zurücknehmen. Frauke Petry versucht zum Beispiel, gemäßigter, vernünftiger und bürgerlicher zu erscheinen. Es gibt aber weiterhin Pressemitteilungen wie kürzlich von Alexander Gauland, in denen ein Wort wie „Bevölkerungsaustausch“ – also ein richtiger Kampfbegriff – im Titel auftaucht. Hierüber wird von den Medien nur nicht mehr berichtet, was vielleicht auch eine gute Entwicklung ist.

PR-Journal: Die AfD greift Medien mit „Pinocchio-Presse“ oder „Lügenpresse“ direkt hat. Trotzdem geben Vertreter der Parteiführung regelmäßig Leitmedien Interviews oder diskutieren in öffentlich-rechtlichen Talkshows. Wie ist diese Ambivalenz zu erklären?

Amann: Das Medien-Bashing ist aus meiner Sicht hauptsächlich ein Weg, um die Basis zu erreichen, die in Medien tatsächlich die ‚Lügenpresse‘ sieht. Es gibt aber keinen Boykott etablierter Medien. Fernsehen ist für die AfD einfach gut, da es die Möglichkeit bietet, mit einer Stunde Sendezeit ein Millionenpublikum zu erreichen. Je stärker die AfD in Talkshows angegriffen wird, desto besser ist es für sie. Sie kann sich als Underdog präsentieren, was Teil der Vermarktung ist. Print-Interviews sieht man eher selten. Sie sind aber ein Weg, um beispielsweise die ältere Wählerschaft der AfD zu erreichen, die eventuell noch Zeitungen abonniert haben. Durch die Autorisierung von Interviews haben AfD-Politiker Kontrolle über die Botschaften. Bei Zitaten ist das anders – siehe den ‚Fall Boateng‘ –, da man nie weiß, in welchem Kontext diese auftauchen.

PR-Journal: Das Interview-Format wird also ganz bewusst gewählt, weil es so viel Beeinflussung der Berichterstattung ermöglicht?

Amann: Ich habe diesen Eindruck. Ein Wortlautinterview ist ‚safer‘ als ein Zitat. Bei der Autorisierung gibt es häufig dann erhebliche Änderungswünsche – wie beispielsweise bei unserem Interview mit Björn Höcke im ‚Spiegel‘ nach seiner Holocaust-Rede. Das hat mich sehr geärgert, weil wir das Gesagte vom Band abgeschrieben haben und alles beweisen können. Wenn Aussagen dann so weichgespült werden, wie es die AfD den sogenannten ‚Altparteien‘ immer vorwirft, und man wie Höcke ständig von ‚Wahrheit‘ spricht, dann ist man natürlich keinen Deut besser.

PR-Journal: Wie kommen Sie an Informationen aus der AfD, wenn Sie zum Beispiel für Parteiveranstaltungen nicht akkreditiert werden?

Angst fuer Deutschland BuchcoverAmann: Ich habe das Glück, in den etwa vier Jahren, die ich über die Partei berichte, zu fast allen relevanten Mitgliedern auf der Führungsebene eine Gesprächsbasis behalten zu haben. Ich telefoniere diese bei Themen dann ab und versuche, mit ihnen im Gespräch zu bleiben. Zusätzlich schaue ich, was die Personen in den sozialen Medien machen und fahre viel auf AfD-Veranstaltungen – auch auf B- und C-Termine an der Basis in irgendwelchen Gaststätten. Dort werde ich zwar mittlerweile meist erkannt, komme aber in der Regel rein.

Auf mein Buch haben viele in der AfD sogar positiv reagiert, weil sie erkennen, dass ich versucht habe, sie als Partei zu verstehen und so objektiv wie möglich klar zu machen, woher die Partei kommt, was sie will und wofür sie steht; sie also nicht so fertig zu machen. Im AfD-Milieu wurde honoriert, dass ich keine totale Abrechnung gemacht habe. Wenn ich irgendwo ausgeschlossen werde, geht es meist auf Frauke Petry zurück.

Lesehinweis: Titel: „Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert.“ Autorin: Melanie Amann. Droemer Knaur Verlagsgruppe. ISBN: 978-3-426-27723-2. 320 Seiten.